Wenn ein Teil von mir fehlt – Meine Erfahrung mit Geschwistertrauer
Der Moment, der alles verändert hat
Meine Welt geriet vollends aus dem Gleichgewicht und der Schmerz des Verlustes traf mich mit voller Wucht, als mein Bruder verstorben ist. Gänzlich überfordert war
ich mit all den Gedanken, Gefühlen und der starken Sehnsucht nach meinem Bruder. Auf der einen Seite musste ich hilflos dabei zusehen, wie meine Eltern mit dem schlimmsten Schicksal zurechtkommen
mussten, was Eltern passieren kann: ein eigenes Kind zu verlieren.
Zwischen Haltlosigkeit und innerer Zerrissenheit
Auf der anderen Seite fehlte plötzlich und ohne Vorwarnung ein so großer Teil von mir, dass ich das Gefühl der Zerrissenheit und des unvollkommenen Seins kaum
ertragen konnte. Vorher wusste ich, dass wir alles gemeinsam schaffen konnten, doch nun fühlte ich mich unfassbar allein und fehl am Platze auf dieser Welt.
Ein Tabuthema ohne Raum – Geschwistertrauer
Schnell merkte ich jedoch, wie sehr die Themen Tod und Trauer in unserer Gesellschaft tabuisiert werden. Vor allem hatte ich das Gefühl, dass der Geschwistertrauer
kaum Beachtung geschenkt wird. Auf Grund dessen fing ich an, mich intensiv damit auseinander zu setzen. Meine Bachelorarbeit habe ich über Geschwistertrauer geschrieben.
Der Weg ins Verstehen
Ich wollte anfangen, dem Thema mehr Beachtung zu schenken und auch mir selbst dabei helfen, mich mit meiner eigenen Trauer auseinanderzusetzen. Dabei merkte ich,
wie gut es ist, sich Wissen über Trauer anzueignen und habe gezielt versucht, mit anderen Betroffenen ins Gespräch zu kommen.
Trauer als Prozess, der sich wandelt
Mit der Zeit habe ich für mich erkannt, dass der Umgang mit Trauer einem ständigen Lernprozess unterliegt. Trauer bleibt niemals gleich, sie verändert stetig ihre
Form. Für einen selbst ist es wichtig, zu lernen, sie anzunehmen und versuchen mit ihr umzugehen.
Wenn Schmerz Liebe sichtbar macht
Einer der für mich wichtigsten Aspekte hierbei war es zu erkennen, dass all der Schmerz und die Sehnsucht, die ich durch die Trauer spüre, die bedingungslose Liebe
für meinen Bruder ist. Diese Erkenntnis gibt mir viel Trost, denn ich weiß, dass die Trauer mein Begleiter bleiben wird, aber so bin ich gewiss, dass die Liebe für meinen Bruder niemals enden
wird. Gerne möchte ich das anderen Betroffenen weitergeben und mit ihnen teilen.
Ein persönlicher Antrieb, andere zu begleiten
Meine Geschichte ist für mich der Antrieb, auf Traueraustausch.de mitzuwirken. Es ist ein großes Anliegen von mir, andere Betroffene zu unterstützen, ihren eigenen
individuellen Weg in der Trauer finden zu können. Hierbei möchte ich zuhören, Verständnis übermitteln und mögliche Hilfestellungen bieten. Alles ohne Druck und ganz individuell, so individuell
wie jeder einzelne Verlust ist.
Manchmal hilft es, nicht nur eine Geschichte zu lesen, sondern mehrere Stimmen wahrzunehmen. Jede Trauer ist anders – und doch kann gerade diese Verschiedenheit etwas Verbindendes haben.