Wenn ein Teil von dir geht – und dennoch bleibt

Ein Leben als Familie – und die Diagnose, die alles verändert


Ich bin die Aggi, Mutter von Vierlingen – 3 Jungen und 1 Mädchen. Mein Sohn Nils ist mit 14 Jahren an Leberkrebs erkrankt, mit 16 Jahren daran verstorben. Es war eine furchtbare Zeit mit einigen OP`s, vielen Krankenhausaufenthalten, ein ständiges Auf und Ab.

Zwischen Hoffnung und Erschöpfung – die Zeit der Krankheit


Seine Geschwister mussten viel aushalten und zurückstecken. Ich habe immer versucht, allen gerecht zu werden, was aber wohl eher unrealistisch war.

Der Moment, in dem die Welt stehen bleiben müsste


Es ist nun fast 20 Jahr her, dass Nils verstorben ist. Unfassbar – es fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen. Ich konnte nicht verstehen, dass um uns herum alles genauso weiterging wie bisher. Ich wollte, dass die Welt anhält. Einfach nur schreien – weinen – und mich verkriechen. Das Lied „Haltet die Welt an“ drückt all das aus, was ich gefühlt habe.

Funktionieren statt fühlen – Leben mit der Maske


Ich habe nur noch funktioniert – mit einer Maske. Das war so anstrengend und kraftraubend

Ein Verlust, der durch den ganzen Körper geht


Schon bei der Diagnose und den ersten Bildern, die ich gesehen habe, war es so, als würde auch in mir ein Teil absterben und krank werden. Dann, bei seinem Tod, fühlte es sich so an, als würde ein Teil von mir mit ihm gehen, ein spürbarer körperlicher Schmerz. Als würde jemand in mich hineinfassen und einen Teil meines Herzens herausreißen.

Weiterleben für die anderen – und doch jeder für sich


Ich hatte täglich den Wunsch ihm nachzugehen, trotz dass dort ja auch noch seine drei Geschwister und mein Ex-Mann waren, die mich brauchten. Ich habe alles getan, damit es ihnen gut geht und trotzdem hat jeder alleine für sich getrauert und ist irgendwie „abgestürzt“ – jeder auf seine Weise. Ich wusste nicht, ob wir jemals wieder auf einen guten Weg kommen würden. Gott sei Dank haben meine drei Kids alle einen guten Weg eingeschlagen und sind richtig tolle, sozial eingestellte, humorvolle, verrückte Menschen geworden. Das hat aber gedauert.

Jahre später – und doch so nah wie am ersten Tag


Nach all diesen Jahren fühlt es sich für mich noch immer unwirklich an, dass mein Kind so einen schlimmen Leidensweg gehen und dann sterben musste.

Die Frage, wie man das überstehen konnte


Ich frage mich heute oft, wie wir alle das überleben konnten. Dieser Schmerz, die Leere, die Hilflosigkeit, das Unverständnis vieler Umstehenden, die Sehnsucht – diese ewige Sehnsucht, all das ist allgegenwärtig.

Wenn sich Trauer langsam verändert


Aber es kommt tatsächlich die Zeit, in der einiges einfacher wird. Man kann die Trauer etwas steuern, man fällt nicht jedes Mal wieder in dieses tiefe Loch. Es gibt wieder Dinge, auf die man sich freut.

Neue Zugänge zum Leben – vorsichtig und leise


Natur, Sport, Bewegung, liebevolle Begegnungen mit Menschen, die empathisch sind. Menschen, denen ich auch heute nach all diesen Jahren von meinem Kind erzählen darf und von all dem, was es mit mir gemacht hat. Es kostet viel Kraft die schönen Dinge des Lebens zu sehen und zu genießen, aber es lohnt sich.

Dankbarkeit, die neben dem Schmerz existiert


Ich bin dankbar für meine tollen Kinder und deren Familien und für meinen liebevollen, verständnisvollen Partner – diese Menschen sind es wert, das Leben zu leben und nach vorne zu schauen.

Alles darf da sein – auch Wut, Tränen und Sehnsucht


Der Schmerz darf kommen, aber auch wieder gehen, Tränen dürfen kommen, aber auch wieder gehen und auch die Wut hat ihren Platz – Wut darauf, dass mein Kind diese Krankheit bekommen hat und die Wut darauf, dass Nils und auch wir als Familie so viel über uns ergehen lassen mussten und letztendlich doch den Kampf verloren haben.

Eine bleibende Verbindung – über den Tod hinaus


Mein Nils hätte gewollt, dass wir alle wieder glücklich werden. Er ist für immer tief in meinem Herzen und er ist bei alldem, was täglich passiert, bei mir – morgens, mittags, abends.

 

 


 

Manchmal hilft es, nicht nur eine Geschichte zu lesen, sondern mehrere Stimmen wahrzunehmen. Jede Trauer ist anders – und doch kann gerade diese Verschiedenheit etwas Verbindendes haben.